Von 0 auf 100 in zwei Wochen!
Wochenende endlich! Erstmal durchatmen.... Dies waren meine Gedanken am vergangenen Freitag... Aber dann: Falsch gedacht! Auch an diesem Samstag lief der Unterricht ganz normal ab, was bedeutet: Um 6 Uhr aufstehen - Unterrichten bis um halb 3 - anschließend noch Fußball Training -...
So in etwa lief der Abschluss meiner ersten Schulwoche ab und reiht sich damit gut in zwei stressige, aufregende und spannende Wochen ein. Aber erstmal der Reihe nach:
Am Sonntag vor zwei Wochen war es dann endlich so weit: raus aus der Quarantäne. Auch wenn ich sagen muss, dass, wie bereits im letzten Blog Post angesprochen, die Schule und die Lehrkräfte bzw. Betreuer*innen vor Ort, ihr Bestes gegeben haben, um die Isolationszeit so gut wie möglich zu gestalten und unsere kurzweiligen Spaziergänge am Meer entlang eine willkommene Abwechslung darstellten, geht doch nichts darüber, selbst entscheiden zu können, wann man wo hin geht, ohne, dass man dabei gegen irgendwelche Regeln verstößt. Dies ist wohl eines meiner Quarantäne Fazits: Bewegungsfreiheit ist ein nicht zu vernachlässigendes und leider (auch in Vor-Corona Zeiten) nicht selbstverständliches Privileg.
Nachdem ich also zwei Wochen lang quasi in einem Zimmer verbracht habe und sich innerhalb dieser Zeit Schlafen, Lesen, Musik hören, Netflix schauen, wiederholten, freute ich mich also umso mehr endlich auf mein zu Hause und meinen Arbeitsplatz für die nächsten 10 Monate zu treffen: King's-Edgehill School.
Die King's-Edgehill School ist eine Privatschule, welche gleichzeitig auch ein Internat ist. Daher gibt es hier von den insgesamt 320 Schüler*innen sowohl Schüler*innen, welche den Tag über im Unterricht verbringen und anschießend nachmittags wieder nach Hause fahren, als auch Schüler*innen, welche auf dem Campus leben. Die King's-Edgehill School bringt darüber hinaus viel Geschichte mit sich, da sie 1788 gegründet wurden ist und somit den Titel als Kanadas "First Independent School" trägt. Hier ein paar Bilder vom Campus:
Ich hatte meine Quarantäne auch genau rechtzeitig beendet, da am Montag direkt die "Professional Development Week" los ging, eine Woche, an der jeden Tag Konferenzen für Lehrkräfte stattfanden. Am ersten Tage war für mich beispielsweise die Unterstufenkonferenz und Mittelstufenkonferenz, also hier Klassen 6-9. Am Dienstag ging es dann weiter mit allgemeinen Infos für alle Lehrkräfte, bevor es dann spezifisch um Corona Maßnahmen ging und sich auch die einzelnen Fächer bzw. Bereiche (Sprachen, Naturwissenschaften, etc.) trafen, um fachspezifische Angelegenheiten zu diskutieren. Diese Meetings waren für mich sehr hilfreich, um einen ersten Eindruck zu bekommen, was mich erwarten würde und natürlich alle wichtigen Informationen zu bekommen, um für den Schulstart vorbereitet zu sein.
Auf der anderen Seite stellte dieses Programm natürlich genau das Gegenteil von dem dar, was ich die letzten zwei Wochen gemacht hatte. Besonders die Lehrer*innenkonferenz am Dienstag, welche sich über knapp 7 Stunden streckte, machte mir dann doch sehr zu schaffen, sodass ich jeden Abend gefühlt tot in mein Bett fiel. Darüber hinaus war die Flut an Informationen, welche man in einem neuen Umfeld üblicherweise bekommt, auch ein bisschen überfordernd. Darum war ich dann noch glücklicher, als es hieß, dass am Donnerstagnachmittag eine kleine Abschlussfeier für die Lehrkräfte stattfinden würde. Darauf freute ich mich besonders, da ich in den Tagen davor bereits etliche, hilfsbereite und freundliche Kolleg*innen kennen lernen durfte. Dies ist nämlich der Kontrast zu der Flut an Informationen. Seit meinem ersten Tag hier bin ich nur auf hilfsbereite, offene und freundliche Menschen getroffen. Egal, wer mir bisher auf dem Flur entgegenlief oder wen ich am Lehrer*innenzimmer antraf, einer der ersten 2-3 Sätze war immer: "Wenn du etwas brauchst, sag ruhig Bescheid!". Darüber hinaus finde ich es bemerkenswert, wie engagiert alle hier sind. Dass ein Meeting sich nämlich über 7 Stunden erstreckt, liegt nicht nur daran, dass es eine Menge an Informationen gibt, sondern auch daran, dass jede*r sich einbringt und bei vielen der Eindruck entsteht, als wenn das Leben der Schüler*innen höchste Priorität genießt.
Vergangenen Mittwoch stand dann auch der erste Schultag an und nach mehreren Änderungen wusste ich dann auch welche Klassen ich unterrichte: ich habe eine 8. und 9.Klasse in "ELL (Englisch Language Learners) - also Englisch als Zweitsprache. Hier sollen die internationale Schüler*innen ihr Englisch verbessern. Einen Informatik Kurs in der 7. Klasse und in der 6. und 7. Klasse Sportstunden. Ein ganz buntes und abwechslungsreiches Programm also... In den letzten Tagen lernte ich nach und nach meine Schüler*innen kennen und so langsam stellt sich eine gewisse Routine ein. Einer der Dinge, an die ich mich aber noch gewöhnen muss, sind die kleinen Klassengrößen. So habe ich in keiner Klasse mehr als 10 Schüler*innen, in einer sogar nur 4 und in einer anderen Klasse sogar nur einen (!) einzigen Schüler. Dies muss sich natürlich in den Ohren von allen, die schonmal vor einer Klasse standen, wie ein Traum anhören - und dies ist es auch. Individuelle Förderung lässt sich in einem solchen Umfeld viel einfacher umsetzen. Dennoch muss ich mich erstmal an diese Klassengrößen gewöhnen, da man seinen Unterricht ganz anders strukturieren muss und bewerte Methoden, die auf Gruppen- und Partnerarbeit, anders gestalten muss.
| Mit passender Arbeitskleidung... |
Soweit ein kleiner Ausschnitt aus meinem Leben hier als Lehrkraft. Mein anderes großes Aufgabenfeld ist die Rolle als "House parent" für die Schüler, die bei mir auf dem Flur schlafen. Darüber werde ich euch jedoch beim nächsten mal berichten! Zum Schluss möchte ich jedoch noch eine kurze Story erzählen, die für alle, die mich genauer kennen, besonders lustig sein sollte:
In meiner 9. Klasse habe ich mit meinen Schüler*innen Fragen diskutiert, die man jemanden stellen kann, wenn man eine Person zum ersten Mal trifft (z.B. Wie heißt du? Woher kommst du? Wie alt bist du?...) Im Anschluss daran haben wir uns einfach gegenseitig ein paar Fragen gestellt. Auf einmal hob eine Schülerin die Hand und fragte mich, warum ich denn graue Haare auf meinem Kopf haben würde und ob dies normal sei in Deutschland? Darauf konnte ich auch nur mit einem Lachen antworten... 😆
Daher zum Ende: Simon says: "No, not every German has grey hairs in their twenties."
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