Alles wieder wie am Anfang?

 

Wow, in den letzten zwei Wochen hat sich viel getan und nicht nur deshalb ist es mal wieder Zeit euch ein Update über die momentane Lage hier zu geben. Spoiler: leider wird es in diesem Post sehr viel über Corona gehen…

Ich hatte euch in den vorherigen Beiträgen immer mal wieder knapp über die momentane Corona Lage hier vor Ort informiert. Um dies kurz zusammenzufassen: im Großen und Ganzen war die Situation hier eigentlich über die gesamte Zeit sehr entspannt. Häufig bewegten sich die Neuinfektionen im niedrigen einstelligen Bereich zwischen einer und zehn Neuinfektionen pro Tag. Es gab sogar einige Tage, an denen gar keine Neuinfektion dazu kam. Die neuen Fälle, die es gab, waren meisten kontrolliert und isoliert, sodass eine Verbreitung nur schwer möglich war. Dennoch hatten auch wir zwischendrin mal ein paar Rückschläge. Anfang Dezember, wie ich es euch auch damals berichtet habe, gab es einen Anstieg der Fallzahlen in Halifax, der größten Stadt in Nova Scotia, was dafür sorgte, dass die Stadt quasi unter Lockdown stand und somit auch Schüler*innen von unserer Schule, welche in Halifax leben, nicht an die Schule kommen konnten und daher für ein paar Wochen digital am Unterricht teilnahmen. Insgesamt kam Nova Scotia bisher jedoch außerordentlich gut durch die Pandemie, seit ich im August hier angekommen bin. In meiner Umgebung hatten Restaurants, Kneipen und andere Läden fast die ganze Zeit auf und man konnte sich auch problemlos in kleineren Gruppen treffen. Obwohl wir an der Schule Masken tragen mussten, konnte man in vielen Momenten schnell mal vergessen, dass wir während einer globalen Pandemie leben. Der Unterricht lief, bis auf die angesprochen Onlinephasen, normal ab. Nachmittags konnten wir in verschiedenen Teams Sport machen und sogar gegen andere Schule antreten und auch sonst konnten wir immer wieder kleinere und größere Aktivitäten veranstalten. Wie aber in jedem üblichen Filmdrama, hatte auch dieser Frieden leider irgendwann ein Ende.

Vor knapp zwei Wochen gab es einen deutlichen Fallanstieg in Nova Scotia, von bis zu zehn Fällen täglich hinzu 40 bis 60 Fällen täglich. Mittlerweile bewegen wir uns sogar stets im mittleren ein-hunderter Bereich (ca. 120-180). Dies hatte zunächst die Folge, dass der Bundestaat einen zweiwöchigen Lockdown ausgerufen hat und dass alle Schulen geschlossen wurden. Auch, wenn die Zahlen natürlich nicht mit Deutschland zu vergleichen sind, können einem diese Maßnahmen doch ein bisschen streng vorkommen. In Nova Scotia wird jedoch eine Zero-Covid Strategie verfolgt, was bedeutet, dass Neuinfektionen so schnell wie möglich isoliert werden sollen und eine Ausbreitung verhindert werden soll.

Dass die Schulen geschlossen wurden, hatte für uns den Effekt, dass unsere Schule aufs online Unterrichten umgestiegen ist. Der einzige Haken dabei war, dass die King’s-Edgehill School das einzige Internat in Nova Scotia ist und somit nochmal eine Sonderrolle einnimmt, da wir weiterhin Internatsschüler*innen hier vor Ort hatten, von denen viele aus dem Ausland kommen, und die wir somit nicht einfach vom ein auf den anderen Tag nach Hause schicken konnten.

Da auf der anderen Seite, aber eigentlich auch niemand den Campus verlies (mit Ausnahme von essenziellen Tätigkeiten, wie z.B. Lebensmittel einzukaufen), wurde unsere Schule zu einer eigenen kleinen Lebenswelt, in der wir uns frei bewegen durften und in kleineren Gruppen zusammenkommen konnten, um z.B. Sport miteinander zu machen. Dies war besonders schön, da es vielen, in Zeiten mit vornehmlich negativen Nachrichten, wieder ein bisschen Mut und Hoffnung gab und ein wenig Normalität zurückkommen ließ. Da die meisten von meinen Schüler*innen außerdem Internats-, und nicht Tagesschüler*innen sind, konnte ich diese weiterhin vor Ort unterrichten. Persönlich hat es mich außerdem auch noch gefreut, Ende April meinen Geburtstag mit meinen Freunden hier im kleinen Kreise feiern zu können.



Leider war dieser Status nicht von langer Dauer, da vorherige Woche (5. Mai) dann die Nachricht kam, dass es an der Schule einen positiven Fall gab. Dies war natürlich unser Horrorszenario seit Schulbeginn, vor dem sich alle fürchteten. Dennoch hatten wir einen gut organisierten und strukturierten Plan, sodass schnell alle Schüler*innen auf ihren Zimmern waren. Anschließend wurde so schnell wie möglich eine Liste von nahen Kontaktpersonen erstellt und alle Schüler*innen sowie alle Angestellten wurden getestet. Die guten Nachrichten sind, dass bisher alle Tests negativ zurückkamen und somit nun sogar Schüler*innen, welche nicht als nahe Kontaktpersonen gelten und negativ getestet wurden, wieder nach Hause fliegen können. Für alle anderen jedoch, und leider gehöre ich ebenfalls zu dieser Gruppe, heißt es jetzt erstmal 14 Tage Isolation. Gesundheitstechnisch macht dies natürlich zu 100% Sinn, aber das Gefühl, nach August wieder zwei Wochen in Isolation verbringen zu dürfen, ist verständlicherweise kein atemberaubendes.

Aber irgendwie gewöhnt man sich auch daran bzw. lernt damit zu leben. Ich genieße die eine Stunde draußen, die wir jeden Tag bekommen (power hour) und dass natürlich gleichzeitig auch noch der Unterricht online weitergeht, lenkt einen auch in gewisser Weise ab. Darüber hinaus hätten wir alle dieses Jahr zwar lieber ohne diesen Zwischenfall zu Ende gebracht, aber wir können uns sehr darüber glücklich schätzen, dass es allen gut geht (selbst der erkrankten Person) und dass wir, abgesehen von wenigen Ausnahmen, das ganze Jahr über halbwegs normal unterrichten und die Zeit miteinander verbringen konnten, was im globalen Kontext nicht selbstverständlich war und ist. 

So konnte ich beispielsweise in den Wochen vor dem Lockdown auch noch eine neue Sportart für mich entdecken. Nach den Osterferien ging hier nämlich die Spring Season los, was bedeutete, dass die Schüler*innen ihren dritten und letzten Sport des Jahres begannen. An der King’s-Edgehill School liegt in dieser Jahreszeit ein großer Fokus auf Rugby. Ich hatte zwar schon mal ein paar Spiele im Fernseher gesehen, aber jetzt auch ein paar Spiele live gesehen zu haben, war echt eine coole Erfahrung. Darüber hinaus war der Teamspirit der Rugbyteams auch sensationell und steckte auf irgendeine Weise die gesamte Schule an. Ich persönlich kümmerte mich an zwei/drei Tagen um das Badminton Team der Schule. Dies hat mir sehr viel Spaß gemacht, da ich Badminton nochmal in einem kompetitiveren Zustand erleben durfte und einiges neues über den Sport lernen durfte. Darüber hinaus entschloss ich mich aber dazu an den anderen Tagen zu helfen, dass Ultimate Frisbee Team zu coachen. Ultimate what…? Ich denke mal, dass dieser Sport vielen Studierenden ein Begriff ist, die ihn schon mal im Hochschulsportangebot gesehen haben. Aber was genau steckt dahinter? 

Ultimate ähnelt in gewisser Weise American Football. Es spielen zwei Teams gegeneinander, welche versuchen die Frisbee in die andere Endzone zu bringen, um somit zu punkten. Das wichtige dabei ist, dass die Person, die die Frisbee hat, sich nicht bewegen darf und daher die Frisbee zu einer anderen Person werfen muss, um weiter voranzukommen. Dies ist der Sport quasi in ein paar Sätzen zusammengefasst. Falls ihr noch andere wichtige Regeln lernen wollt, dann guckt euch einfach eines der zahlreichen Erklärvideos auf YouTube an. Das coole an dem Sport ist, dass er sehr auf Fairplay beruht und Spaß im Vordergrund steht. Damit hatte Ultimate Frisbee auch die perfekten Vorrausetzungen für unseren „Springsport“. Ich hatte sehr viel Spaß, sowohl mit den kleineren (6-9 Klasse), als auch mit den älteren Schüler*innen (10-12 Klasse).

Da ich mir mit dem Schreiben dieses Berichts ein bisschen zeit gelassen habe, ist es jetzt sogar schon Sonntag und es sind nur noch wenige Tage, bis die Quarantäne wieder zu Ende ist. Die zweite Welle von Tests ist auch negativ zurückgekommen, sodass die Hoffnung sehr groß ist („klopft auf Holz“), dass wir alle am Mittwoch um Mitternacht wieder raus dürfen. Mittlerweile ist es hier auch wesentlich ruhiger und leerer geworden. Am Samstagmorgen ist der letzte meiner Schüler auf meinem Hausflur nach Hause geflogen. Obwohl man sich natürlich nicht umarmen oder die Hand schütteln durfte, habe ich mich von allen meinen Schülern an der Tür verabschiedet. Es war zwar keine Bilderbruch Verabschiedung, aber dennoch sehr schön nochmal jeden zu sehen und mit ihm ein paar warme Worte zu wechseln. Die Jungs sind mir echt ans Herz gewachsen und ich finde es schade, dass meine Zeit als Houseparent jetzt zum Ende kommt. Sehr bewegt hat mich ein Kommentar meines Schülers, welcher meinte, dass ich nicht nur ein klasse Houseparent war, sondern auch zu einem guten Freund geworden bin. 


Wenn man sich nicht richtig verabschieden kann, müssen halt Briefe unter der Tür herhalten

Simon says: "14 Tage sind auch nur 14 Tage..."

 

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